Farbenpracht von unerhörter Dichte
Chor der Kreuzkirche brilliert mit Verdis Requiem - "Musik in der Kreuzkirche" mausert sich immer mehr zu einer festen Größe im Bonner Konzertleben
Von Fritz Herzog
Bonn. Was sich lapidar "Musik in der Kreuzkirche" nennt, mausert sich immer mehr zu einer festen Größe im Bonner Konzertleben.
War im vergangenen Herbst Schuberts h-Moll-Sinfonie in einer ungemein packenden Interpretation zu hören gewesen, hat man sich mit Giuseppe Verdis Messa da Requiem
nun einem Werk zugewandt, das in der Gattung "Totenmesse" eine Ausnahme darstellt.
Alessandro Manzoni gewidmet und 1874 zu seinem ersten Jahresgedächtnis uraufgeführt, hat Verdi zwar den lateinischen Text komponiert, sich dabei aber einer außergewöhnlich bildreichen Tonsprache bedient, mit einer ganzen Reihe unüberhörbarer Reminiszenzen an die drei Jahre zuvor aus der Taufe gehobene Oper "Aida".
Bei aller Diskussion darüber, wohin das Werk damit gehöre, aufs Konzert-Podium oder in die Kirche, wird meist außer acht gelassen,
dass jenseits der Alpen anders mit dem Tod umgegangen wird.
Diesem Phänomen trug Karin Freist-Wissing auf geradezu sensationelle Weise Rechnung. Indem sie sich dem Werk vollkommen unprätentiös nähert,
gewinnt sie Farbenpracht und Ausdruckstiefe von unerhörter Dichte, von einer Lebendigkeit, wie sie selten nur erfahrbar ist. Dabei folgt sie der Dramaturgie Verdis bis in kleinste Details, ohne die übergeordneten Spannungsbögen verlieren.
Bereits der Beginn gerät atemberaubend: Mit sanft fließender Ruhe setzen die Streicher im pianissimo ein, folgt seidenweich und völlig transparent der Chor
mit sauber mitgeatmeten Generalpausen. "Schöner" ist ein Jenseits kaum vorstellbar. Beim "Dies irae" wird dann regelrecht ein Feuerwerk abgebrannt mit Pauken-Attacke und Fern-Posaunen das jüngste Gericht angekündigt.
Man glaubt es kaum: Zu dem Unternehmen hatten sich der Chor der Erlöserkirche München-Schwabing mit der Kantorei der Kreuzkirche auf nahezu 200 Sängerinnen und Sänger vereint. Dennoch schwimmt der Chorklang niemals auf,
bleibt selbst im Affekt noch durchsichtig. Blitzsaubere Intonation und deutliche Artikulation scheinen hier selbstverständlich.
Mit dem Philharmonischen Orchester Köln, dem eine ganze Reihe von Musikern des WDR Sinfonieorchesters angehören,
stand Freist-Wissing zudem ein außergewöhnlich homogener Klangkörper von großer Präsenz zur Verfügung. Höchste Qualität
beim Solistenquartett lieferte die Mezzosopranistin Gerhild Romberger, die ihrer Stimme beim Agnus Dei-Duett mit dem Sopran fast tenorales Timbre abzugewinnen vermochte.
Die Sopranistin Ingeborg Herzog überzeugte durch gerade Linienführung und größte Innigkeit. Kaum weniger ausdrucksstark der schlank
geführte Tenor Berhard Gärtners und der warm fließende, aber noch junge Bass Timo Zimmers. Manche Opernpartitur wünscht man sich so
sensibel ausgehört, wie es Freist-Wissing jetzt mit diesem Requiem gelungen ist - die Kreuzkirche auf dem Weg zu einer Ersten Adresse. |