MÜNCHNER KULTUR

Montag, 15. Oktober 2001

 Aktuelle Kritik

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Der große Anspruch

Die „Artionale 2001“ will evangelische Kirchen in München für die Gegenwartskunst öffnen. Das reichlich gespreizte Motto „raum.zeit“ soll den Beiträgen bildender Künstler wie den Konzerten einen gemeinsamen Nenner verleihen. Der Eröffnungsabend in der Markuskirche bestätigte da schlimmste Erwartungen. Keine 20 Minuten Musik standen mehr als einer dreiviertel Stunde von Grußworten gegenüber, die großteils völlig unvorbereitet waren und Banalität an Banalität reihten. Als musikalische Fanfare hatte Leander Kaiser „Phaikon 493“ komponiert. Allenfalls das Material dieser munter tonalen Kadenzübungen könnte zersampelt für ordentlichen Karstadt-Techno taugen. Friedrike Wagner mühte sich um Dallapiccola-Lieder auf Texte von Antonio Machado in Unkenntnis der spanischen Sprache – vom musikalischen Anspruch ganz zu schweigen.

In der Erlöserkirche hatte sich Kirchenmusikleiterin Candida Kirchhoff mit ihrem Plan durchsetzen können, zum hundertjährigen Kirchenjubiläum nicht den „Messias“, sondern Michael Tippetts knappes Oratorium „A Child of our Time“ aufzuführen. Tippetts Homosexualität hat es ja auch in England lang verhindert, dieses dankbare und praktikable Stück auch in den Kirchen heimisch zu machen. Da darf die Einstudierung in der eher konservativen lutherischen Landeskirche Bayerns als schönes Zeichen verstanden werden. Zusammen mit Mitgliedern des befreundeten English Symphony Chorus gelang Chor und Orchester der Erlöserkirche eine wirklich bewegende Interpretation. Kirchhoff kann Engagement wecken und ihre Truppe für die musikalische Botschaft begeistern. Wie schon öfters stellt sie kaum bekannte Solisten vor. Jutta Potthoff, Hubert Nettinger, Martin Bruns, vor allem die herausragende Altistin Gerhild Romberger garantierten ein Niveau, das sich mit dem der Münchner Erstaufführung unter Colin Davis messen konnte.

In St. Lukas verließ man sich für die „Artionale“ nicht auf eine bekannte Oratorienpartitur. Roman Emilius, Michael Grill und Gerd Kötter hatten eine „Konzertnacht“ organisiert, die drei Stunden lang unterschiedliche Besetzungen und Stilhaltungen konfrontierte. Einen Akzent setzten Werke von Arvo Pärt, dessen homophon-reduzierte Schreibweise auch Grill selbst mit „Nichts bleibt“ aufgriff. Doch für Laien wie den Chor und die Instrumentalisten in St. Lukas bleibt Pärt technisch ein Grenzfall. Das Karge und Einfache ist intonationsmäßig äußerst diffizil. Im ersten Teil dominierte abwechslungslos ein allzu esoterisch-besinnlicher Ton. Saties „Petits Chorales“ wurden da herunter gebetet, als ob sie nicht auch ironisch gemeint sind. John Cages Klavierstück „In A Landscape“, das sowieso Dauerpedal vorschreibt, bedürfte in der halligen Akustik eines strengeren und farbreichen Anschlags. Susanne Kelling predigte von der Kanzel herab Berios „Sequenza III“ – und selbst wenn man diese Inszenierung akzeptiert: Bei derart anspruchsvollen Solostücken bedarf es gleichsam immer eines Metronoms, sonst wirken sie selbstgefällig.

Im Zentrum des Abends versammelte Gerd Kötter die Mitwirkenden und ein zum Umherwandeln aufgerufenes Publikum für eine „Installation“ zu Texten aus dem Prediger Salomo. „Alles hat seine Zeit“ machte einige leise und gehemmte Ausbrüche aus den Normen der herkömmlichen Kirchenmusik hörbar, die allein den Besuch in St. Lukas zu einem Gewinn werden ließen.

ANTON SERGL

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