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Sonntag Cantate, den 9. Mal 2004     Nr. 19     MÜNCHEN UND OBERBAYERN
Perfektionistin mit Dickschädel
Die Münchner Kantorin Candida Kirchhoff bekommt den Titel »Kirchenmusikdirektorin« verliehen
Zu den wichtigsten Utensilien an Candida Kirchhoffs Arbeitsplatz gehören ein Heizstrahler für warme Finger, eine Wäscheklammer, um das dicke Evangelische Gesangbuch offen zu halten, und ein Paar ramponierte Halbschuhe, deren Farbe wohl einmal schwarz war. »Die habe ich, seit ich 18 bin, mit denen habe ich schon mein Examen gespielt«, lacht die 41-jährige Kantorin der Erlöserkirche in München und biegt zur Demonstration des biblischen Schuh-Alters die Sohle mit dem Daumen von der Fußspitze weg. Weil Candida Kirchhoff aber auch mit (oder vielleicht gerade wegen) solch altem Schuhwerk die Münchner Kulturszene mit herausragender Kirchenmusik bereichert, bekommt sie am Sonntag » Cantate« von der bayerischen Landeskirche den Ehrentitel einer Kirchenmusikdirektorin verliehen.
Im Oktober 1994 trat Kirchhoff ihre Stelle als jüngste Kantorin in München an. Zuvor hatte sie, in Rothenburg an der Fulda geboren, das Studium der Kirchenmusik in Detmold absolviert und vier Jahre im hessischen Friedberg als A-Mu-sikerin gearbeitet.
Seit ihrem 14. Lebensjahr spielte Kirchhoff Orgel im Gottesdienst -Kirchenmusikerin wollte sie eigentlich trotzdem nie werden. »Ich habe zunächst angefangen, Querflöte zu studieren und wollte unbedingt ins Orchester«, erinnert sich die Mutter von zwei Söhnen. Doch ein mitreißender Orgellehrer begeisterte sie für die Kirchenmusik und verwandelte
Wenigstens zwei Stunden übt Candida Kirchhoff täglich an der Orgel, damit die Finger gelenkig bleiben. »Zwei Wochen Urlaub merkt man schon«, sagt sie. auch ihre anfängliche Abneigung gegenüber dem Fach »Chorleitung« zu einer echten Leidenschaft. Mit ihrem Chor der Erlöserkirche, der 130 Sänger und Sängerinnen stark ist, führt sie jedes Jahr vielbeachtete Konzerte auf
Candida Kirchhoffs Markenzeichen ist, dass sie es nicht bei den kirchlichen Gassenhauern, beim Weihnachtsoratorium und den Passionen, belässt. Auf ihrem Spielplan finden sich auch unbekannte Künstler wie Arvo Part oder Michael Tippett, die jährliche Max-Reger-Nacht im Oktober ist ihr zu verdanken. »Es gibt so wundervolle Kompositionen für Kirchenmusik aus dem 20. Jahrhundert«, schwärmt die Kantorin, die könne man nicht einfach links liegen lassen.
Das führt allerdings bei einem so konservativen Publikum wie in München immer wieder zu längeren Diskussionen im Kirchenvorstand. »Wenn ich einen Heinz Werner Zimmermann aufführen will, heißt es: >Da kommen ja keine Leute.<« Und wenn die Zuhörer ausbleiben, stimmt die Kasse nicht. Trotzdem setzt sich die Musikerin meistens durch: Wenn nur 250 statt 800 Gästen kommen, die dann aber von einem modernen Stück restlos begeistert sind, hat sich die Mühe für Candida Kirchhoff gelohnt.
Im Alltag ist es der ständige Spagat zwischen Pflicht und Kür, der die 41-Jährige aufs Äußerste fordert. Gerade zu kirchlichen »Stoßzeiten« wie der Karwoche weiß sie manchmal gar nicht mehr, wo sie zuerst anpacken soll: Gottesdienste, Konzertaufführungen, Kinder-Sing-Wochen, alles passiert zugleich und ist gleich wichtig. Das kratzt am Perfektionsstreben der Candida Kirchhoff, die von sich sagt: »Es ärgert mich maßlos, wenn ich einen Gottesdienst mal nicht so wie sonst vorbereiten konnte.«
Dass das nicht oft vorkommt, davon können sich die Gottesdienstbesucher jeden Sonntag überzeugen. Kraftvolle Bach-Fugen dröhnen, sanfte Kirchenlieder schweben dann durch das Kirchenschiff und laden zur Besinnung ein. Doch so meditativ, wie es für die Gemeinde wirken mag, geht es auf der Empore nicht zu: Gottesdienst, das ist für die Frau an der Orgel hohe Konzentration und Präzision. Rasch wechselt sie die Notenblätter, stellt mit fliegenden Händen die Register ein, spielt lautlos nochmal ein Vorspiel durch, bevor sie - nach kurzem Blickkontakt mit dem Pfarrer - energisch in die Tasten greift. Ruhe hat die Arbeiterin an den Manualen nur für ein paar Minuten während der Predigt.
So gern die frisch gebackene Kirchenmusikdirektorin ihren Beruf ausübt, die Arbeitszeiten empfindet sie manchmal als Härte: reichlich Abendtermine unter der Woche, samstags Hochzeiten, Taufen und Chorproben, sonntags Gottesdienste um acht und zehn Uhr. Die Ehe von Candida Kirchhoff ist über dieser Dauerbelastung auseinander gegangen, und ihre zehn und zwölf Jahre alten Söhne sehen in der Kirchenmusik manchmal eher eine Konkurrentin. »Sie haben sich daran gewöhnt«, sagt die Mutter nachsichtig, »aber mit Kirche haben sie's nicht so und ein Instrument wollen sie auch nicht lernen.«
Wenn es nach ihrem Gefühl ginge, dann würde Candida Kirchhoff am liebsten bis zu ihrem Ruhestand in der Erlöserkirche wirken. Doch die Vernunft mahnt sie, auch über einen Stellenwechsel nachzudenken: »Dem Chor täte es gut, wenn in fünf Jahren jemand anderer frischen Wind bringen würde«, meint die Kantorin. Festgefahrene Bahnen will sie auf jeden Fall vermeiden.
Bislang ist davon nichts zu merken: Neben den klassischen Aufführungen begeistern auch weltliche Darbietungen das Publikum. Kirchenmusik, das ist für Candida Kirchhoff auch einfach Musik in der Kirche, und deshalb gehört die Polka genauso ins Gotteshaus wie das Requiem. Der Erfolg gibt ihr Recht: regelmäßig 400 Besucher bei den heiteren Mondschein-Serenaden im Sommer, »das soll ein Pfarrer erst mal nachmachen«.
Susanne Petersen
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